Panteón San Isidrio




5. Der Friedhof von San Isidrio, 23. 04.
(alle Texte in gekürzter Fassung, copyright by Holger Roick)

Die Regenzeit hat jetzt begonnen. Es hat zumindest den Anschein. Einige Wochen verfrüht zwar, aber andererseits gerade zum richtigen Zeitpunkt. Nach einem endlosen Dauerbeschuss mit Nachrichten von Tod und Sterben in der Wüste und den Städten Irak’s tut es zumindest dem Auge und damit der Seele gut, das wiedererwachende Leben zu registrieren. Nach monatelanger Trockenheit dauert es nur wenige Tage, bis alles wieder in vollem Saft steht. Sofort spriesst es überall in überschiessender Kraft und in Farben, an die man sich schon fast nicht mehr erinnerte. Das in dieser Höhe ganz ungewohnte, plötzlich einsetztende feucht-warme Klima gibt einem zumindest während der ersten Tage der Regenperiode das Gefühl, selbst Teil eines ‚sinnstiftenden’ Naturzyklus zu sein. Ein Mensch, der sich so wie ich jetzt mit einer Pflanze vergleicht, in die mit den ersten Regentropfen neues Leben fliesst, (bei mir passiert dies durch die dampfschwangere Luft, deren Geruch mich an das Tropische erinnert und mich ganz in ihren Besitz nimmt) wird in so einem Fall kaum von sinnvoll, sondern immer von sinnstiftend reden. Das unterscheidet ihn letztendlich von einer Pflanze und macht ihn zum Menschen.

Schon früh treffe ich mich mit Pepe, denn wir haben einen langen Rundgang vor uns und in wenigen Stunden wird es so heiss sein, dass an ein Weiterlaufen nicht mehr zu denken ist. Pepe ist ein guter Freund und Maler. Als wir uns vor nicht langer Zeit über Parres 52 unterhielten, machte er mir den Vorschlag, mich zu so einem ´Nicht-Ort´ zu führen, wie ich ihn brauche.
In seinen schlechtesten Zeiten war er Leichenwäscher bei der SEMEFO (Servicio Médico Forense = Gerichtsmedizinisches Institut) und die Arbeit dort hatte verständlicherweise einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen. Doch war es weniger die Arbeit als die Schicksale, mit denen er dort täglich konfrontiert wurde. Besonders die grosse Zahl der Menschen, die irgendwo auf der Strasse anonym gestorben waren, erschütterte ihn. Das hatte seine Position geprägt, von der er mir aber erst auf dem Panteón San Isidro, dem Hauptfriedhof seiner Gemeinde Azcapotzalco, erzählen wollte. Für ihn war dieser Friedhof ein verabscheuenswerter Platz, eben weil er voll von jenen einsamen Toten aus der SEMEFO war und obwohl er selbst Verwandte dort liegen hatte. Ich war nun ebenso gespannt auf den Ort wie auf seine Erklärung dazu.

Der seit 1958 bestehende, mit über 30 Hektar inzwischen grösste Friedhof der Stadt, hebt sich durch eine verblüffende Besonderheit von anderen ab. Auf sich gegenüberliegenden Strassenseiten betritt man durch grosse Hauptportale zwei komplett voneinander getrennte Teile des Friedhofes. Durch das eine gelangt man zur ´Erwachsenenabteilung´, auf der anderen Seite zur Kindersektion. Das ist nicht etwa eine allgemein übliche mexikanische Tradition, sondern auch hier eher die Ausnahme. Es gibt zwar noch andere, aber insgesamt sind es nur sieben solcher Friedhöfe im ganzen Land.


Ein eigenartiges Gefühl begleitet mich, als wir uns zuerst dem Kinderfriedhof zuwenden. Was den Tod für mich auszeichnet, ist das Absolute an ihm, zumindest was die Lebenden betrifft. Was bis zu diesem Tag getan oder unterlassen, ausgesprochen oder verschwiegen wurde, ist nicht mehr zu revidieren. Aber auch, ob jemand reich oder arm war, mürrisch oder humorvoll, ist nun egal. Man ist sich gleich im Tod. Dieser alles nivellierende Charakter bezieht sich natürlicherweise ebenso auf Jung wie auf Alt. Deshalb wirkt es zunächst befremdlich, dass hier diese Nivellierung durch die Trennung geleugnet wird.
Selbstverständlich ist auch dies nur für die noch Lebenden von Bedeutung, sagt man sich, schon nicht mehr ganz so überzeugt davon, wie noch kurz zuvor.


Die kleinen Gräber sind sämtlich vollgestellt und behängt mit allen nur denkbaren Spielsachen. Ich glaube meinen Augen nicht zu trauen. Wir laufen nun schon eine ganze Weile die breite Hauptchaussee entlang und die Menge der Gräber nimmt immer noch weiter zu. Hunderte sind es, die durch ihre Vielfalt aber sogar den Eindruck von Tausenden erwecken. Etwa auf der Hälfte des Weges wird es noch bunter um uns herum. Man bekommt den Eindruck, auf einer Kirmes zu sein. Weitaus mehr Spielsachen befinden sich jetzt auf den Grabstätten. Auch sind sie neuer und noch nicht von der Witterung ausgebleicht, ein Zeichen dafür, dass hier die erst kürzlich verstorbenen Kinder bestattet werden. Diese frischen Gräber nehmen zu beiden Seiten der Chaussee den zentralen Platz auf dem Friedhof ein. Erst im hinteren Teil stossen wir dann wieder auf ältere Gräber.
Mittlerweile laufen wir kreuz und quer durch die Grabreihen, die Mehrzahl der Todesdaten
zeigt, dass die meisten Kinder nicht älter als ein Jahr waren.

Pepe muss plötzlich bemerkt haben, wie stark dieser Anblick auf mich wirkt. Bisher haben wir kaum ein Wort gewechselt. Bei einem überaus reichlich geschmückten Grab bleiben wir stehen. Was ich davon halte, fragt er mich unversehens. An darüber gespannten Leinen hängt alles voll mit bunten Luftballons. „Das erinnert eher an einen Kindergeburtstag“, meine ich und genau das ist es auch. Auf dem Grabstein lesen wir das noch nicht lange zurückliegende Geburtsdatum des Kindes.
Ich erkenne etwas wie Widerwillen in Pepe’s Gesichtszügen und dann fängt er plötzlich an zu erzählen; unverständlich zunächst und nicht so einfach nachvollziehbar für mich, auf was er eigentlich hinaus will.
Ob mir die vielen kaputten Gräber aufgefallen seien. Der chaotische, ungepflegte Allgemeinzustand des Friedhofs? Andererseits so etwas wie hier: keine Frage, „ein Riesenspektakel wird die Familie zum Geburtstag des Kleinen veranstaltet haben. Wer weiss, unter welchen Umständen das Kind seine Geburtstage zu Lebzeiten verbracht hat. Kein Geld für Geschenke, keine Zeit. Sicher kein so bombastisches Fest, wie vorgestern an diesem Platz…..“
Eine lange aufgestaute Wut scheint mit einem Male aus meinem Freund hervorzubrechen. Trotzdem meine ich, dass seine Hasstirade ungerechtfertigt ist. Was wissen wir schon davon, wie jene Geburtstage wirklich ausgesehen haben. „Soweit ich das beurteilen kann, werden Kindergeburtstage hier in der Regel doch immer recht grossartig gefeiert…..“

Aber der Einzelfall ist für Pepe natürlich belanglos. Es geht ihm um etwas anderes. Der Tod eines Onkels beispielsweise. Schon sterbenskrank wünschte er sich von der Frau sein Leibgericht. Eine Woche bat er vergeblich darum, dann war es zu spät. Seither kocht die Tante meines Freundes ihrem verstorbenen Mann wöchentlich jene Speise und verbringt ihre freie Zeit, wann immer es möglich ist, in der Kirche oder auf dem Friedhof. Jahrelang hatten sich die zwei nichts mehr zu sagen und auch die Leibspeise hatte der Onkel, zuhause zumindest, schon lange nicht mehr gehabt. Seit drei Jahren waren nun der Witwe einzigste Lebenskoordinaten: Küche, Kirche und Katakombe!

Dann die Geschichte eines noch nicht einmal zwanzigjährigen Freundes, für den dessen Familie bei den Verwandten keine 3000.- Pesos für die nötige Blinddarmoperation locker machen konnte und der dann starb, bevor der Vater selbst das Geld zusammengebracht hatte. Einer der Onkels, die man vorher vergeblich angepumpt hatte, spendierte einen Holzsarg für 5000.- Pesos!
Noch mehr Geschichten dieser Art erzählte Pepe mir an diesem Tag.

Natürlich haben sie alle mit Schuld zu tun, mit dem vergeblichen Ansinnen, Versäumtes wiedergutzumachen. Der grotesk dazu betriebene Aufwand, das Schuldgefühl loszuwerden, macht es schliesslich pathetisch. Das dies alles mit Religion und Glauben zusammenhängt, dem christlichen Glauben, weiss auch Pepe als Kirchenmitglied nur zu gut.

Als wir später auf die andere Seite zu den ´Erwachsenen´ hinüberwechseln, muss ich ihm Recht geben. Hier sieht es wirklich teilweise verheerend aus. Zusammengebrochene, möglicherweise gewaltsam aufgebrochene Gräber, viele grosse Haufen aus verwelktem Grabschmuck, die niemand zu entsorgen scheint und unter denen wir sogar einige Knochenreste finden. Der leicht süssliche Geruch lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, wo wir uns befinden. Ratten huschen vor uns schnell unter umgefallene Grabsteine.
Rum- und Bierflaschen liegen überall verstreut herum, übrigens auch zwischen den Kindergräbern, wo es mir noch stärker aufgefallen war.
Wir setzen uns für eine Zigarette auf die Betonreste eines eingefallenen Grabes. Der Rauch vertreibt zumindest einige der Fliegen, die wir erst bemerken, als sie während des Sitzens über uns herfallen. Vor uns beobachten wir einen Vogel, der in einem der Abfallhaufen herumpickt und nach Pepe’s Meinung viel zu fett für die Spezies ist.

Das ist die andere Seite der Medaille, von der er mir nun erzählen will. Unser Sitzplatz zum Beispiel. Hier liegt jemand begraben. Gut vorstellbar, das es einer jener anonymen Toten ist. Den Grabresten nach zu urteilen auf jeden Fall jemand, den niemand vermisst. Er weiss, dass es widersprüchlich ist, was er nun sagt, denn gerade noch hatte er über jene gelästert, die erst etwas tun, wenn es zu spät ist. Hier handelt es sich aber möglicherweise um eine Familie, die nach dem Tod und dem Begräbnis mit ihrem Toten im Reinen war und keinen Anlass oder keine Möglichkeit mehr hat, die Grabstätte weiterhin aufzusuchen. Aber wieder war für Pepe der Einzelfall unerheblich. Die Schuld für eine solche Verwahrlosung läge auch oft beim Toten selbst, der zu Lebzeiten einfach nicht in der Lage gewesen war, etwas zu schaffen, was ihn darüber hinaus ehrwürdig machte, bzw. andere Menschen um sich zu sammeln, die ihn weiterhin in ehrbarer Erinnerung behalten würden. Ein nutzloses und weggeworfenes Leben.


Das schien mir alles noch sehr undurchsichtig. Ich beginne, ihm von einem neuen mexikanischen Film mit dem seltsamen Titel ‚JAPAN’ zu erzählen, indem ein Mann mittleren Alters, allem Anschein nach ein Maler, die Grossstadt verlässt, um sich in einem einsamen und kargen Gebirge das Leben zu nehmen. Gewiss kein Mann, der es sich nur einfach macht. Auch niemand, der vor dem Leben flüchtet. Im Gegenteil bereit, sich ihm Angesicht zu Angesicht zu stellen -dem Leben wohlgemerkt, gerade wegen seiner Bereitschaft, es sich zu nehmen. Jemand, der in einem winzigen Rucksack, nur für das Nötigste in seinen letzten Tagen, trotzdem Platz genug für einen voluminösen Bildband über moderne Kunst hat, und der zu diesen notwendigsten Dingen ausserdem einen Walkman zählt, um in grösster mexikanischer und endgültigster persönlichster Abgeschiedenheit Johann Sebastian Bach zu hören. Das ist kaum jemand, meine ich, dem etwas unbewusst zustösst. Auch ist kaum vorstellbar, dass er immer oder schon lange allein war. Eine denkbare innere Einsamkeit bleibt davon unbetroffen. Damit wäre dieser Mensch kein Einzelfall, sondern eher die Regel. Demgegenüber ist sehr gut vorstellbar, dass es Menschen gibt, die ihn nach seinem Verschwinden vermissen werden. Von seinem Tod wissen sie vielleicht nichts, auf jeden Fall erspart er ihnen, vielleicht auch sich selbst, jede in dieser Hinsicht mögliche Heuchelei. Was auch immer der Grund für seine radikale Entscheidung sein mag spürt man als Zuschauer unweigerlich, dass sie etwas mit einem sehr grossen Respekt vor dem Leben zu tun hat, selbst wenn ein gewisser Ekel davor eine zusätzliche Rolle spielen mag.

„Eben darum geht es“, meint Pepe. Es sei doch gerade das, was ihn so fürchterlich auf die Palme bringe. „Das Kind geht zum Brunnen, bis es fällt.“ Warum besinnen sich die Menschen immer erst, wenn es schon zu spät ist? Oder besinnen sie sich überhaupt? Es ist doch der Tod, der glorifiziert wird, der aber gleichzeitig, wie einem hier auf dem Friedhof San Isidro anschaulich bestätigt wird, keinerlei Transzendenz hat.
Bei den Tarasken-Indianern beispielsweise, wo Pepe Kinder -und Jugendjahre bei einer Adoptivfamilie verbracht hat, sei das grundlegend anders. Bevor sein Ziehvater starb, den er davor mehrere Jahre nicht gesehen hatte, bestellte dieser ihn an sein Totenbett für den sogenannten ‚ajuste de cuentas’, die Begleichung offenstehender Rechnungen. Ebenso tat er es mit seinem leiblichen Sohn, von dem er anschliessend verlangte, Musiker zu bringen, zu deren Spiel er ihm die ganze Nacht über vorsingen sollte. Das war die Übereinkunft, die sie bei ihrem Gespräch getroffen hatten. Im Morgengrauen starb der Vater schliesslich.
Den Dingen gerade ins Gesicht schauen und sie alle rechtzeitig in Ordnung bringen. Niemanden etwas ewig nachtragen, keinen Grund für Schuldgefühle haben und auch keinen Anlass dazu geben, kurz: „das Leben vor dem Tod leben!“

Als Pepe etwas früher gehen muss und ich mich noch einmal alleine auf den Teil des Friedhofs begebe, der für die Erwachsenen reserviert ist, überlege ich, das seine anfänglich so konfus erscheinende und widersprüchliche Logik sich mir jetzt durchaus zusammenreimte.

Auf meinem Weg komme ich nicht weit. Es ist bereits weit über Mittag und das jetzt drückende Klima hat den Effekt, dass der süsse Kadavergeruch inzwischen allgegenwärtig und unerträglich geworden ist. Ich muss würgen und drehe schnell um, erst an dem Blumenstand vor dem Haupttor atme ich wieder tief durch.


Seltsam, dass es auf dem Kinderfriedhof überhaupt nicht riecht…..

Hier hat man den massenhaften Tod auf jeden Fall nicht so ganz im Griff. Und wo man den Tod nicht im Griff hat, kann man vom Leben auch nicht viel mehr erwarten.

Ist es nicht dasselbe, was hier im Kleinen und im Irak momentan in einem unbeschreiblichen Ausmass geschieht? Alle Kräfte und Gelder werden mobilisiert, um eine möglichst gründliche Zerstörung herbeizuführen, nur um danach noch mehr Kräfte und Gelder zu mobilisieren für die Wiederherstellung der angerichtete Schäden. Allerdings ist es dazu dann schon zu spät.

Tepito




6. Tepito, 29. 04.

(alle Texte in gekürzter Fassung, copyright by Holger Roick)

“Frag’ nicht lange und steig’ schon ein!“, sagt der Fahrer des Kleinbusses zu dem Jungen. Der balanciert auf einem grossen Tablett verschiedenfarbige Wackelpuddinge in den Bus, die er für eine Selbsthilfegruppe von Arbeitslosen für einen Peso das Stück an die Passagiere verkauft.
Nur selten wird man Zeuge einer so entschiedenen Haltung. Kaum einem dieser Verkäufer wird zwar jemals die kostenlose Mitfahrt verwehrt, aber die freundliche Frage um Erlaubnis darum gehört trotzdem zum guten Ton. Mit seiner klaren Aussage erteilt unser Chauffeur zwei wichtige Lektionen; eine erteilt er uns, die wir ihm zuhören konnten, und die andere dem Verkäufer: „in diesen Zeiten ist Solidarität kein Recht, sondern eine Pflicht“ – und: „du hast ein Recht auf Solidarität!“

Tepito, Endstation in einem der ältesten, traditionellesten und zur Zeit wahrscheinlich gefährlichsten Barrio des Distrito Federal. ‚Barrio bravo’, das wilde Viertel ist seit jeher sein Name und mit 35 Morden in diesem Jahr nach Aussage der Regierungssprecher der höchste jemals erreichte Durchschnitt in der Geschichte der Hauptstadt. Deshalb wurde es kürzlich auch offiziell zum gefährlichsten Ort des Landes erklärt. Sechs Mordfälle gab es allein in der letzten Woche. Die Regierenden haben dem Stadtviertel -mal wieder- den Krieg angesagt. Die Polizeipräsenz wird auf 550 Elemente verstärkt, neue Spezialeinheiten sollen für Ruhe und Ordnung sorgen. Der Einsatz des Militärs ist im Gespräch. Dafür sind Gesetzesänderungen auf dem Weg, Razzien sowieso immer schon an der Tagesordnung.

Die Bewohner von Tepito, auch Tepis, Tepiscoloyo oder Tepistock genannt, formieren sich mal wieder -auch das nichts neues- um ihr geliebtes Barrio zu verteidigen. Stadtregierung und Tepis stehen wie immer auf Kriegsfuss, und man fragt sich, wie lange eigentlich schon.
Zu Zeiten der Aztekenherrschaft, noch lange vor der Ankunft der Spanier, wurde hier auf der ‚Plaza de Troque’, was sich von ‚trueque’ ableitet und Tauschhandel bedeutet, abseits der offiziellen Markt- und Handelsplätze des alten Tlatelolco um gebrauchte und minderwertige Waren gefeilscht. Seit diesen Zeiten ist der Ort bei den Autoritäten verrufen. Die Ordnungshüter hatten niemals wirkliche Kontrolle über die vielfältigen Betrügereien, Raube oder Morde, die hier seit hunderten von Jahren passierten. Die Bewohner waren immer schon trickreicher gewesen und konnten so den Verfolgern in den meisten Fällen schadlos entkommen. Der wahre Grund dafür war aber wahrscheinlich der, dass es meistens gar keine Verfolger gab, denn diese trauten sich erst gar nicht in die Gegend.
Tepito ist demnach par exellence das wilde Viertel. Hier werden Gebrauchtwaren und wiederaufgearbeitete Produkte verkauft, Plagiate, Schmuggelware, Waffen, und Drogen. Hier findet man alles, was man wünscht, wenn man nur die richtige Person auf diskrete Art anzusprechen weiss. Man sagt, es gäbe nichts, was man in Tepito nicht käuflich erwerben könnte, ausser einen Tepis. Was im ersten Anlauf nicht zu finden ist, wird garantiert besorgt, in den meisten Fällen unverzüglich.
Von dem riesigen Polizeiaufgebot, manchmal wird selbst von bis zu 3500 Männern geredet, ist nicht viel zu sehen. Jede Reform ist bisher in Tepitos unnachgiebigen Strassen gescheitert. Das Stadtviertel verdankt seine andauernde Existenz dem zähen Widerstand seiner Bewohner gegen jeden von aussen gerichteten Versuch, die Verhältnisse dort zu ändern.

Stolz ist man dort, Mexikaner zu sein, aber als ein Geschenk Gottes gilt es, gebürtig aus Tepito zu sein. Die alte Tradition setzt sich bis heute ungebrochen fort. Erwartungsgemäss findet man ‚mezcamocha’, ein aus den Resten vornehmer Restaurants zubereiteter Eintopf, heute wie damals gleichfalls in den kleinen öffentlichen Küchen feilgeboten…
In Tepito lebt beinahe jede Familie vom Handel. Die Zahl der Verkaufsstände geht in die Hunderte oder gar in die Tausende. An einem normalen Arbeitstag, das sind sämtliche Wochentage ausser Dienstags, muss man sich hier durch ungeheure Menschenmengen von Stand zu Stand schieben. Nach offiziellen Angaben besuchen durchschnittlich 350 000 Personen täglich diesen Strassenmarkt, einen der grössten des Landes.
Dienstags jedoch ist ‚Ruhetag’, aber nur, was die Verkaufstätigkeit betrifft. Ansonsten herrscht überall allergrösste Geschäftigkeit. Wenn die Menschenmassen ausbleiben gibt es Gelegenheit, das Viertel zu säubern, die Böden zu schrubben und Plastikplanen zu erneuern. Stände werden repariert, Häuser gestrichen und moderne Dachkonstruktionen für den Markt installiert. All´dies wird in nachbarschaftlicher Hilfe zu Wege gebracht und aus eigener Tasche finanziert. Damit soll der Stadtteil verschönert werden, um der sich immer weiter verschärfenden offiziellen Antipropaganda gegen Tepito entgegenzuwirken. Viele Anwohner halten es für einen Rufmord, der momentan an ihrem Stadtteil begangen wird. So ist ein eindeutiger Verkaufsrückgang in den ersten Monaten des Jahres zu verzeichnen, just die Zeit, in der sich die Situation extrem zugespitzt hat. Von mehreren Seiten wird beteuert, dass die Morde der letzten Wochen gar nicht in Tepito passiert sind, sondern in der Colonia Morelos und den angrenzenden Stadtteilen.

„El jarocho“, 60 Jahre, 51 davon in Tepito: „Die Schiessereien finden zwischen konkurrierenden Banden statt und die erschossenen Personen sind deren Abrechnungen. Aussenstehende bleiben davon in der Regel unbetroffen! Ausserdem ist unser Stadtteil klar abgegrenzt durch die Avenida del Trabajo, Canal del Norte und Venustiano Carranza. Den Verlauf dieser Grenzen sollten sich die Stadtväter mal ganz genau hinter die Ohren schreiben, denn das meisste ist in diesem Jahr bisher nicht hier, sondern in der Colonia Morelos passiert. “





Das soll nicht etwa heissen, dass eben dies in Tepito nicht vorkommt. Natürlich ist der Verkauf von illegal eingeführten Waren auch hier an der Tagesordnung, ebenso wie der Drogen- und Waffenhandel üblich ist. Aber diesen Teil übernehmen einige darauf spezialisierte Banden, die mehrheitlich mit dem Wissen und unter dem Schutz der Polizei agieren. Die grosse Mehrzahl der Menschen in Tepito arbeitet hart und hat mit der Gewalt nichts zu tun. Das kann sich aber natürlich schnell ändern, dann nämlich, wenn von behördlicher Seite weiterhin alles, was in der Gegend mit Gewalttaten und Illegalität in Zusammenhang steht, den Leuten aus Tepito in die Schuhe geschoben wird. Dann ist hier nämlich jeder bereit, auf den Druck der Polizeigewalt mit derselben Sprache zu antworten, um die Arbeitsplätze und damit das gesicherte Auskommen zu verteidigen.
Tatsächlich gibt es wahrscheinlich im ganzen Land keinen Ort mit einer geringeren Arbeitslosenquote, einer nicht von Regierungsseite getürkten Zahl, die hier gut und gerne an die 100%-Beschäftigungsrate heranreicht.

Fernando, 38 Jahre, in Tepito geboren, Schulabbrecher: „Im Barrio findet jeder Arbeit, wenn er wirklich will. Jeder hat zumindest ein Familienmitglied, der ihm sofort welche verschaffen kann. Unsere Chancen ausserhalb des Barrios sind seit jeher schlecht gewesen. Das liegt zum Teil an uns selbst, weil wir oftmals nicht die notwendigen Papiere vorlegen können, um auf einer weiterführenden Schule angenommen zu werden. Zum anderen steckt dieses Land aber auch in einer permanenten Krise. So scheinen wir einen Stempel der Aussätzigkeit auf der Stirn gedruckt zu tragen, denn wo es nur wenig Arbeits- und Studienplätze zu verteilen gibt, haben wir regelmässig das Nachsehen. Da werden Leute aus anderen Wohngegenden uns gegenüber klar bevorzugt. Mit diesem Wissen und dieser ständig wieder gemachten Erfahrung brechen viele von uns ihre Schulausbildung vorzeitig ab. „Wozu?“, fragen sie sich und noch am selben Tag sind sie in dem Geschäft eines Verwandten oder Freundes untergekommen. Tepito bietet jedem, der hier wohnt, eine Sicherheit, die er nirgendwo sonst erreichen würde. Vom wirtschaftlichen Aspekt her kann man sich eine gute Existenz aufbauen, was für Menschen unseres Standes und unserer Bildung in den weitesten Teilen Mexiko’s sonst unvorstellbar ist. Um zu überleben muss man sich aber ständig aktualisieren und immer flexibel bleiben. Auch muss man schlau und manchmal sogar hinterlistig sein, um im Geschäft zu überleben. Aber das sind die Leute in Tepito natürlich. Mir gefällt das. Jahrelang habe ich Kleider verkauft. Mittlerweile leben und arbeiten im Barrio aber mehr als 6000 Koreaner, die haben das Geschäft mit der Kleidung jetzt in der Hand. Deren Familienverbände sind straffer organisiert als bei uns und so übertrumpfen sie einen Einzelhändler sehr schnell. Dagegen kann man nur standhalten, wenn man etwas sehr ausgefallenes anzubieten hat. Das ist bei Kleidung momentan nicht mehr möglich. Die Koreaner decken in dieser Hinsicht inzwischen alles ab. Als ich eingesehen habe, dass ich in diesem Sektor nicht mehr lange überleben würde, bin ich auf Musik umgestiegen. Das taten viele in demselben Moment, so habe ich mich auf zwei Musikrichtungen spezialisiert. Aber die Fans des einen Stils pöbelten die des anderen an und deshalb bin ich jetzt nur noch mit World-Music vertreten. Es läuft ganz gut, aber wer weiss wie lange noch, bevor ich mir wieder was neues einfallen lassen muss. Über diese Tätigkeit bin ich dann auch selbst zum komponieren von einzelnen Stücken gekommen. Das ergab sich wie eine notwendige Konsequenz aus der Arbeit. Zuerst am Computer, inzwischen direkt an einem profesionellen Mischpult. Vielleicht kann man meine Musik ja bald mal bei Tecno-Geist, der mexikanischen Love-Parade, hören. Von mir selbst als D.J. präsentiert. Daran arbeite ich. Aber selbst wenn ich anderswo Erfolg haben sollte, werde ich das Barrio unter keinen Umständen verlassen. Hier ist die ganze Familie, alle Freunde, meine ganze Geschichte. Den Verkaufsstand würde ich als letztes aufgeben; er bedeutet für mich und für uns alle hier die tatsächliche Unabhängigkeit.“

Es ist nicht verwunderlich, dass das Barrio ein Dorn im Auge der Stadtregierung ist. Das Zusammenleben- und arbeiten funktioniert hier nach eigenen Regeln und in vielerlei Hinsicht besser, als ausserhalb. Die so gewonnene Autonomie der Zone, in erster Linie vom etablierten Warenmarkt, ist subversiv und muss deshalb bekämpft werden. Es könnte ja jemand auf die Idee kommen, das Modell zu kopieren...
Die vielen Interessengruppen der Händler von Tepito haben oftmals unterschiedlichste Auffassungen, wie die Angriffe auf sie am besten zu kontern seien. Alle diese Gruppen vereint aber ihr gemeinsames Hauptinteresse, die Verteidigung ihrer Lebensgrundlage. Hierbei stehen sie wie ein Monolith solidarisch zusammen. Niemand verteidigt die Illegalität, aber in einer 20:80%-Gesellschaft werden Raubkopien verständlicherweise als ein legitimer Wirtschaftszweig betrachtet!




Ich habe aus zwei Gründen einen Dienstag für meinen Besuch gewählt; zum einen ist es der einzigste Tag, an dem man hier ‚klar sehen’ kann, immerhin sind dann 350 000 Menschen weniger unterwegs, zum anderen wegen der auf heute angesetzten öffentlichen Versammlung der Gruppenchefs.

Alicia, Mitte fünfzig, Chefsekretärin der Gruppe ‚Verteidigung und Solidarität’, Standbesitzerin für ausländische Zigarettenmarken: „Wir sind heute mal wieder unter stärkstem Beschuss der regierungshörigen Medien nach den letzten Mordfällen. Aber das ist wie immer total ungerechtfertigt. Hier gibt es eine Schlägerei und das Fernsehen macht daraus dann mindestens einen Toten. Kaum jemand hat bisher in den Medien von Tepito’s anderer Seite gesprochen. Zum Beispiel von unserem Nachbarschafts-Dienstag. Für die Versammlung heute haben wir extra diesen Hintergrund gewählt, denn das Treffen der Gruppenführer ist ihnen eine Nachricht wert und deshalb ist heute das Fernsehen hier. Vielleicht zeigen sie ja auch etwas davon. Kaum anzunehmen allerdings… wir haben die Reporter wirklich teilweise satt.
Hier gibt es gleich ein Theaterstück für Kinder. Danach werden Lebensmittelpakete gratis an Bedürftige verteilt. Jeder kann Dienstags zur kostenlosen ärztlichen Untersuchung kommen oder sein Haustier impfen lassen. Daneben haben wir Rechts- und Zivilberatung, einen Notar, alles kostenfrei.
Wenn Tepito anarchisch ist, wie so oft behauptet wird, dann ist es aber eine sehr geregelte Anarchie, was ja eigentlich gar nicht sein kann. Auf jeden Fall haben wir hier einiges, das zu verteidigen sich lohnt!“



Felipa, 65 Jahre, Gruppenchefin, 13 Kinder, alle in Tepito geboren: „Meine 13 Kinder sind gesund und munter. Alle haben Arbeit, hier in Tepito, und Armut oder Misere hat niemand von ihnen jemals erleiden müssen. Schon deshalb wissen wir, was uns hier hält und das wir unter allen Umständen das Viertel, so wie es ist, verteidigen müssen. Dazu kommt, dass es hier auch immer noch ‚Miga’ gibt, ein mit einem grossen Stück Schweinefleisch gefülltes und in einer Kräutersauce getunktes Brötchen. Das findet man sonst in Mexico fast nirgends mehr. Ein weiterer Grund, nicht zu gehen (lacht schallend)….. Hermelinda (andere Gruppenführerin) könnte dir jetzt weitere Argumente anführen, aber bei ihrer Wortwahl würdest du einen roten Kopf bekommen!“




Das hier die Kirche zwar auch eine wichtige aber eine dem Handel untergeordnete Rolle spielt wird offensichtlich, als ich vergeblich nach dem Vorplatz suche. Was ich für eine Mauer halte, die diesen umgeben könnte, ist schon das Kirchenschiff selbst. Rundherum ist die Parroquia San Francisco de Asis Tepito von Verkaufsständen eingekesselt. In ihrem Inneren fällt mir zuerst die endlose Liste der Spender für anstehende Renovierungen auf. Von einigen tausend bis zu gerade mal zehn Pesos Spendengeld ist jeder einzelne Spender namentlich darauf aufgeführt.





So wie viele Kolumbianer sagen, dass es zum grossen Teil der Drogenmafia zu verdanken ist, im Land jetzt mehr Schulen und gut ausgerüstete Krankenhäuser zu haben, bekommt man auch in Tepito vielerorts den Eindruck, es mit einer Mafia zu tun zu haben. Die zwischen den Ständen geduldete Kirche ist nur ein Beispiel dafür, dass die gesamte Gemeinde in den verschiedensten Angelegenheiten zusammensteht. Wollte man Tepito in dieser Hinsicht also ernsthaft mit kolumbianischen Verhältnissen vergleichen, müsste man sich zwangsläufig des offiziellen Regierungsvokabulars bedienen und ihr Recht geben, dass sie den Kampf dort gegen eine Mafia führt. Aber dann wäre es eine Mafia, in der alle Capos und gleichzeitig Nutzniesser der mafiösen Struktur sind. Profiteure von so gewünschten Lebensumständen in einem gleichermassen dynamischen und traditionellen Werten verbundenen Barrio, die unter ‚legalen’ Bedingungen oftmals nicht annähernd erreicht werden.
Sich dessen sehr wohl bewusst, wird der Verteidigungskampf der Tepis, der gleichzeitig ein Kampf um die Würde ist, ebenso fortschrittlich wie traditionell geführt. Im Internet finden sich so, neben den komerziellen, hunderte weiterer Einträge, welche die historische, kulturelle, soziale und politische Besonderheit des Ortes hervorheben. Neben diesem modernen Medium verlässt man sich in Tepito aber noch stärker auf eine andere, eher mittelalterlich anmutende Taktik. Und diese ist tatsächlich nur an einem Dienstag angemessen zu erkennen. Erst durch ein kilometerweites, verwirrendes Labyrinth leerer Stände gelangt man in das Herz von Tepito. Es fällt einem an den verkaufsoffenen Tagen nicht weiter auf, an denen man sich nur von Stand zu Stand weiterschieben lässt. Aber dorthin, wo die Tepis leben, zu den vecindades mit ihren langen Innenhöfen, gelangt man gar nicht, bzw. man würde es nicht ohne weiteres bemerken. Unzählige Strassenzüge und Gassen mit heute verwaisten Ständen bilden rund um die in ihrem Zentrum gelegenen Wohnhäuser, wo sich Tepito vom Krämermarkt zum Dorf verwandelt, einen regelrechten Schutzwall. Ich frage mich, ob ich aus diesem Gewirr jemals wieder herausfinden werde. Genauso schwierig muss es für jeden Invasor sein, hier überhaupt erst einmal hineinzukommen. Nichts leichter, als jeden möglichen Eindringling in Sekundenschnelle durch das öffnen und schliessen bestimmter Zufahrtswege abzuwehren.

Bilde ich es mir nur ein oder ist es wahr? Was bislang den Eindruck eines rein politischen Machtspiels auf mich gemacht hatte, rechnet schon längst auch mit realen Kriegsstrategien.

El Doble Piso en San Antonio



7. Der zweite Stock in San Antonio, 05. 05.

(alle Texte in gekürzter Fassung, copyright by Holger Roick)


San Antonio ist, das weiss jedes Kind, eine Metrostation. Wer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur grössten Stierkampfarena Lateinamerikas fährt, zur 'La Plaza de los Toros', steigt hier aus. Aber heute denkt daran niemand mehr, wenn er 'San Antonio' hört. Seit September vergangenen Jahres ist dieser Name Synonym für die zur Zeit wahrscheinlich grösste Baustelle des Landes. Hier wurde damit begonnen, was schon in kürzester Zeit der sogenannte 'zweite Stock' der Stadtautobahn sein wird. Ein fragwürdiges Megaprojekt, um der problematischen Verkehrssituation Herr zu werden. Anstatt auszulagern setzt man in Mexico-City weiterhin auf das Hinzufügen.


Das sich voraussichtlich noch über Jahre hinziehende Bauvorhaben ist an dieser Stelle nun fast fertiggestellt und soll in spätestens vier Wochen für den Verkehr geöffnet werden. Der sogenannte Verkehrsverteiler bringt die Autos dann auf teilweise vier Stockwerken in alle Himmelsrichtungen. Es hört sich phantastisch an, und das ist es auch.
Wie das neue Stadtbild ungefähr aussehen wird, kann man in San Antonio jetzt schon gut sehen. Der Mexikaner ist hier ganz in seinem Element, denn er 'liebt' das Material. Was auf dieser Baustelle gerade an Zement verbraucht wird, stellt alles in den Schatten. Ein gigantisches Monster auf tonnenschweren Stelzen verschlägt einem bei seinem Anblick schier den Atem. Niemand, der nicht schwer beeindruckt davor stehen bleibt und wenn möglich kommentiert. So schwindelerregend hoch ist die Konstruktion, das man trotz seiner Schwere gleichzeitig meint, schon der nächste starke Windstoss schmeisse das gesamte Pfeiler-, Bogen- und Brücken-Wirrwarr gleich wieder um.
Neben der grössten Baustelle handelt es sich hier angeblich auch um die schnellste: vergleichbare Projekte, wie beispielsweise eine neue Metrolinie, dauerten bisher immer wesentlich länger. Wie so etwas gemessen wird, ist schwierig zu sagen. Wahrscheinlich rechnet man dabei in der Menge des darin eingegossenen Zementes. Mit acht Monaten Bauzeit liegt man jetzt sogar noch zwei Monate unter dem kalkulierten Zeitlimit. Fünf erste Bauabschnitte werden parallel zueinander durchgeführt, die am Ende mit etwa 30 Meter langen, vorgefertigten Fahrbahnabschnitten nur noch miteinander verbunden werden müssen. Weit über 1000 Arbeiter bewerkstelligen diese, nur etwa 5 km messende Strecke in mühevoller Kleinarbeit und fast überall wird rund um die Uhr gearbeitet.
Wie in einem Ameisenhaufen wimmelt es unter den schon fertiggestellten Brückenteilen, die wenigstens Schatten spenden. Die darüber wie Spinnen in den Gittern der Armierungseisen hängenden Arbeiter schützt nur ihr Helm vor der brennnenden Sonne. Tatsächlich werden hier die strengen Regeln eingehalten, alle Beschäftigten tragen den vorschriftsmässigen Schutzhelm. Dagegen ist es verblüffend, dass niemand den unbehelmten Passanten den Durchgang unter der Mammutkonstruktion verwehrt. Das dies nicht nur auf Nachlässigkeit zurückzuführen ist und es hier einen Zusammenhang gibt, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Zunächst scheint es mir an manchen Stellen, besonders für die direkten Anwohner, einfach keine andere Moeglichkeit zu geben, zu ihrem Ziel zu gelangen. Aber die Helmregel leuchtet ohne weiteres ein, besonders nach dem Fall eines enormen Balkenstücks direkt vor meine Füsse. Schnell flüchte ich mich wieder unter die einigermassen schutzbietenden, über uns im Himmel hängenden, nun schon fast fertig montierten Fahrbahnteile. Die einzige Gefahr bedeutet hier nur der Funkenflug von den weit über einem ausgeführten Schweissarbeiten. In 20 Metern Hoehe schweben da kleine Plattformen an Seilen herab, auf denen Arbeiter metallene Querstreben unter die zukünftige Fahrbahn montieren.



Der Strassenbau ist, wie immer und überall, eine der härtesten Arbeiten, die man sich denken kann. Neben der gewohnten körperlichen Anstrengung existieren bei diesem Projekt aber ganz spezielle Gefahren, so dass es eine beinahe unglaublich gute Nachricht ist, dass es bisher noch zu keinem tödlichen Unfall kam. Unvorstellbar scheint deshalb ausserdem, dass hier die grosse Mehrzahl der Arbeiter für gerade mal 1000 bis 2000 Pesos in der Woche schuftet.

Vergangene Woche war 'El Dia de la Santa Cruz' (der 'Tag des heiligen Kreuzes', wichtigster Feiertag für alle in der Baubranche Beschäftigten). 1000 Arbeiter feierten diesen Tag wahrscheinlich zum ersten Mal in solch' einem gigantischen Rahmen. Für die meisten war es allerdings sicher auch gleichzeitig eine der langweiligsten Feiern, die sie bisher erlebt hatten. Nur die gerissensten unter ihnen konnten mehr als eine Flasche Bier ergattern. An diesem Tag, an dem das von den Arbeitgebern spendierte Essen +Trinken das A+O der Zeremonie sind, reichte beides hinten und vorne nicht aus. Zwei typische Bands spielten zum Tanz auf, aber Begleitpersonen waren dabei nicht zugelassen. Logisch, dass es keinen Tanz gab.jjjjjjjjjjj. Das Essen kam letzendlich mit einiger Verspätung und sichtlich verärgert warteten viele Arbeiter nur ab, bis der Wagen endlich vorfuhr, der den Wochenlohn ausbezahlte, bevor sie die Veranstaltung enttäuscht verliessen. Andere beschwerten sich und verlangten gleich eine Lohnerhöhung, wohlwissend, dass diese ausgeschlossen war. Schliesslich hatten alle hier für mehrere Monate einen sicheren Job, der sogar beträchtlich über dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn bezahlt wurde. So war dieses Anliegen nicht mehr als eine notwendige Pflichtübung, die sie scherzend und von lautem Gelächter begleitet, ausführten. Ein Spass, den man sich an seinem Ehrentag erlauben konnte, der aber dementsprechend auch von keiner Seite ernstgenommen wurde. Die Angelegenheit wurde dann von einem überaus optimistischen Pfarrer während des abschliessenden Gottesdienstes noch passend abgerundet. Er rief die Arbeiter dazu auf, alle Kritiker gegen das Bauvorhaben einfach zu überhören, "denn wenn jemand etwas gutes tut sind sowieso immer alle unzufrieden damit?" Auf seine Frage, wie denn jemand genannt wird, der seiner Frau beim Tragen der Einkaufstüten hilft, antwortete ihm das Publikum wie im Chor, johlend: "Ein Pantoffelheld?"
Die etwas aus der Bahn geratene Welt war damit wieder zurecht gerückt und am Montag würden alle auf's Neue und zu den gleichen schweren Bedingungen die Arbeit antreten. Ausser jenen vielleicht, die anschliessend noch irgendwo eine lebhaftere Santa-Cruz-Party aufgestöbert hatten und den San Lunes ('heiliger Montag') zur Erholung brauchen würden.



Wie ist es möglich, fragt man sich, dass beim Wachsen eines dermassen gewaltigen Bauwerks nur sowenig Krach entsteht? Die Bauherren begründen es mit der hochmodernen Struktur und Technik, die man hier benutzt. Mir scheint das Verwenden vorgefertigter Teile ausschlaggebender dafür zu sein. Wie dem auch sei, ein Grund für die allseits ausbleibenden Proteste kann es nicht wirklich sein.
Ich habe unerträgliche Lebensumstände erwartet, allenthalben empörte Anwohner. Grosse Schilder an den Hauswänden, auf denen man sich über die Beeinträchtigungen beschwert, über das ausbleibende Geschäft, weil durch die Baustelle nun keine Zufahrtsmöglichkeiten mehr bestehen. Oder Klagen über eine zu geringe oder gar keine Abfindungssumme. Massenhafte Verkaufsangebote für Wohnungen. All' das sucht man hier aber vergeblich. Anstatt dessen finde ich nur eine kleine Tafel der Nachbarschaftsorganisation, die den undiskriminierten Bau von Mehrfamilienhaeusern in der Zone anprangert. Ein einziges Verkaufs- bzw. Mietangebot hängt im Fenster einer Wohnung im vierten Stock. Gerade dort aber sollten die Fenster voll mit derartigen Schildern hängen, denn von hier aus wird man in Zukunft den besten Blick auf die untere der beiden luftigen Fahrbahnen haben. Das bedeutet, dass dort bald schon die Autos in wenigen Metern Entfernung am Wohnzimmer vorbeirauschen werden. Schluss mit ungestörtem Fernsehen. Auch im Schlafzimmer wird dann nicht mehr mit viel Ruhe zu rechnen sein, ganz abgesehen von den für einen erholsamen Schlaf nicht gerade wünschenswerten Lichtverhältnissen. Da haben es die Leute im letzten, dem fünften Stock, vielleicht etwas besser. Niemand wird ihnen von der neuen Strasse aus in die Wohnung schauen können. Sie haben hier die exakte Höhe für eine direkte Sicht auf die enormen grauen Betonwannen, von den Anwohnern Wale genannt, auf denen sich der obere Verkehr abspielt. Clevere Autofahrer werden dann Sonntags in den vorgesehenen Parkbuchten, die sogar mit Grünanlagen versehen werden sollen, anhalten, um von dort aus die freie Aussicht in die Stierkampfarena zu geniessen?



Zu Beginn der Konstruktion gab es natürlich noch einige Bürgerbeschwerden. Aber das eigentliche Ringen um das Projekt wurde schon davor in monatelangen Streit in den Medien abgehandelt. Das war mehr oder weniger nur eine Farce. Jeder, der zwischen den Zeilen lesen konnte, wusste längst, dass der Bau durchgesetzt werden würde. Und so hatten sich wohl auch schon die meisten Bürger vor Baubeginn mit ihrem Schicksal abgefunden. Mit Grundsteinlegung war dann auch nahezu jeder Protest verstummt. Heute versucht man eher, dem neu enstehenden Monster seine guten Seiten abzugewinnen. Tatsächlich kommt niemand drum herum, bei seinem Anblick Bauklötze zu staunen.
Die Gewohnheit hat inzwischen über das Unbehagen, mehr war es wahrscheinlich niemals, gesiegt. Immer noch hat man etwas Angst beim Verlassen des Hauses, man trägt ja keinen Bauhelm. So ist der vorsichtige Blick in die Höhe inzwischen selbstverständlich, bevor man auf die Strasse tritt. Die Restaurants haben Schilder an den Türen angebracht, auf denen steht 'OFFEN', bitte Hintereingang benutzen?. Darüber hinaus nimmt alles seinen gewohnten Lauf. Wirklich stark und für immer betroffen sind tatsächlich 'nur' die direkt an dem neuen Strassenkomplex gelegenen Bewohner. Gerade mal einen Block entfernt kann man von dem natürlich doch entstehenden Baulärm schon nichts mehr hören. In der wunderschönen Kolonie 'San Pedro de los Pinos', mit seinen bunten, fast ausschliesslich kleinen und verspielten Einfamilienhäusern und einem verblüffend gesunden Baumbestand, hat sich hier optisch rein gar nichts verändert. Vielleicht gab es ja auch deshalb keine grössere Solidarität mit ihren Nachbarn, für die sich nur einen Block weiter jetzt das ganze Leben verändert hat. Die Solidarität ist hier derart: "Heute hat's dich erwischt, wahrscheinlich bin ich schon morgen dran?"


Lebensumstände, die sich permanent verändern, ist man reichlich gewohnt. Der Sieg der Gewohnheit umfasst aber wesentlich mehr, als nur eine veränderte Dynamik. Hier zeigt es sich mal wieder in aller Deutlichkeit, dass sich im Land permanent zwei Leben parallel zueinander abspielen, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Zwischen ihnen besteht nicht die geringste Chance auf eine Annäherung. Es ist dies das Leben der Regierenden und das der Regierten. Da ein Regierter kaum annimmt, das von den Regierenden etwas dem Allgemeinwohl Dienliches zu erwarten ist, aber auch ohne irgendeine Kraftanstrengung, dieses anscheinend unausweichliche Schicksal abzuwenden, passt er sich lieber immer wieder den neuen Spielregeln an. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass jeder Versuch, an diesen Verhältnissen etwas zu ändern, vergeudete Energie bedeuten würde, die er besser zu nutzen weiss. Deshalb geht das Leben hier jetzt weiter, als wenn nichts geschehen wäre. Und es gibt ja auch immer wieder eine gute Seite zu betrachten, so etwa die, dass das neue Bauwerk nun Schatten für die Restaurants und Läden am Strassenrand spendet!
Jetzt verstehe ich auch, warum Passanten auf der Baustelle ungehindert zwischen den Arbeitern herumlaufen können: sie sitzen alle im selben Boot!
Die Regierten sitzen aus, was von den Regierenden eingefädelt wurde. Das sind die Regeln des alten und wohlbekannten Spiels. Das Leben der einen Gruppe berührt dabei in keinem Punkt das der anderen. So schert sich auch niemand wirklich um die Meinung des anderen. Jeder lebt seine Vorstellung vom Leben unbeeinträchtigt aus, d.h. die existierende Beeinträchtigung berührt einen nicht wesentlich. Im Kräftevergleich ist man sich ebenbürtig. Nur werden die Kräfte üblicherweise nicht gemessen. Dieses oberste Regel ist Grundvoraussetzung für das Überleben beider Gruppen.

In grosser Höhe füllen schlechtbezahlte Bauarbeiter gerade eine monumentale Betonschalung mit Styropor aus. Tausende kleine Flocken schweben auf uns Passanten in einem nahegelegenen Park herunter. Wie bei einem leichten Schneefall wird plötzlich alles weiss um uns herum und stimmt mich jetzt, nach Balken- und Funkenflug, versöhnlicher. Nur ein von niemandem gewünschter aber von allen befürchteter 'Autoflug' könnte den heutigen Kritikern Recht geben, aber dann wäre es mal wieder zu spät für ein Umdenken.


Die Anpassungsfähigkeit ist die eigentliche Stärke der Regierten und macht sie für gewöhnliche Regierungen 'de facto' unregierbar.